Von toten Katzen und lebenden Ahnen

Niq Mhlongo skizziert in seinem Kurzgeschichtenband „Soweto, Under the Apricot Tree“ ein Südafrika voller Spannungen und Gegensätze

Die Katze einer weißen Familie ertrinkt im Pool der schwarzen Nachbarn. Die Besitzer sind untröstlich. Ein bedauerlicher, aber nicht ungewöhnlicher Unfall, könnte man meinen, der schnell wieder in Vergessenheit gerät. Nicht so in Niq Mhlongos zweitem Kurzgeschichtenband Soweto, Under the Apricot Tree, der dieses Frühjahr erschienen ist – hier führt der Vorfall zur wachsenden Entfremdung zwischen den Nachbarn, der Entlassung einer Hausangestellten sowie zum Mobbing der Söhne der schwarzen Familie, die in der Schule bald als „Katzenmörder“ verrufen sind. Vermutet Ousie Maria die Ahnen hinter den albtraumhaften Ereignissen, dürften es in Wirklichkeit die freigelegten tiefen Spannungen der Post-Apartheids-Ära sein, die Mhlongo hier so treffend in Szene setzt.

Nicht weniger originell und überraschend sind die Plots der anderen zehn Kurzgeschichten, in denen er auf kritische, teilweise zynische Weise die gegenwärtige Situation Südafrikas umreißt. Verbunden sind die Geschichten durch den gemeinsamen Schauplatz Soweto, einem Vorort Johannesburgs, sowie die omnipräsenten Aprikosenbäume, die als Zeugen der erzählten Geschehnisse imaginiert werden.

Es sind dabei stets dieselben drängenden Themen, die Mhlongo aufgreift. Immer wieder wird über die Rolle vergangener und gegenwärtiger Politiker diskutiert, teilweise sogar während einer Beerdigung, die nicht halb so interessant scheint wie die Frage, ob Mandela Südafrika gerettet oder es doch an die Weißen „verkauft“ habe. Es geht um die Nachwehen der Apartheid, um Korruption, die Armut der Townships und die Kluft zwischen Schwarz und Weiß. Letztere wird nicht nur im Falle der toten Katze, sondern auch in der Geschichte Turbulence verhandelt, die von der Flugreise Tokollos und seiner weißen Sitznachbarin Elsabe handelt. Elsabes fortwährende Klagen über das dem Niedergang geweihte Südafrika, das sie zur Ausreise nach Australien zwinge, stoßen bei Tokollo auf nüchternen Trotz statt Empathie. „At least you have a place to run to, and you’re welcome, because you’re white“, erwidert er trocken und flüchtet sich in einen Film, um nicht länger Elsabes arrogantem Sermon lauschen zu müssen.

In unterschiedlicher Konstellation wird auch immer wieder der Kampf zwischen Tradition und Moderne thematisiert. Eine prominente Stellung nehmen dabei die Ahnen ein, die einen ständigen Bezugspunkt für Mhlongos Figuren bilden. „Our dead are not dead“ heißt es an einer Stelle. „They just visit the world for a short while longer and then leave. And when they leave, they haunt the hell out of the living. This is why the living live in fear.“ Abwechselnd werden die Ahnen als unverzichtbare Stütze oder aber als lästiges Erbe empfunden, das allzu viele Zwänge auferlegt. Der eine läuft ungeniert über ein Grab, während sich der nächste nicht einmal traut, mit dem Finger darauf zu zeigen. Mhlongo löst diesen Gegensatz – wie auch viele weitere – nicht auf, was sicherlich als Stärke der Erzählungen gelten kann.

Somit gelingt ihm nicht weniger als ein intensives, spannungsreiches Porträt von Südafrikas gegenwärtigem politischem und kulturellem Zustand. Manchmal schießt er dabei übers Ziel hinaus und mischt allzu viel Drama und Tod in seine Alltagsszenen. Auch fällt negativ auf, dass sich die weiblichen Charaktere nicht auf Augenhöhe mit den männlichen bewegen. Nur drei von elf Geschichten werden aus Sicht von Frauen erzählt; größtenteils bewegen sie sich am Rande des Geschehens, zur Passivität verdammt und nicht selten den Blicken lüsterner Männer ausgeliefert. Ihre Gedanken bleiben ungehört, was den Leser mit einem Gefühl der Unvollständigkeit zurücklässt.

Nichtsdestotrotz überrascht es, dass von Mhlongos vielversprechendem Werk bisher nur sein Roman Way Back Home ins Deutsche übertragen wurde. Es bleibt zu hoffen, dass die deutschen Verlage ihm bald zu der Stellung auf dem deutschen Buchmarkt verhelfen, die er verdient hat.

Text:  Charlotte Neuhauss
Erschienen: literaturkritik.de, 23.04.2018

Niq Mhlongo
Soweto, Under the Apricot Tree 
Kwela Books, Cape Town 2018
208 Seiten
ISBN-13: 9780795708374

Niq Mhlongo ist zu Gast bei Writing in Migration | African Book Festival Berlin. Am Sa, 28 um 15.30 Uhr wird er im Babylon Kino 3 im Rahmen der Tête-à-Têtes interviewt. Eintritt frei.

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