Seit 2012 verwandelt die Royal African Society einmal im Jahr London zum Mekka für afrikanische Literaturschaffende und diejenigen, die deren Bücher lieben, wenn es heißt: Africa Writes. Das Team von InterKontinental war Ende Juni zu Gast bei der 2018er Ausgabe des Londoner Schwesterfestivals. Uns erwarteten zwei spannende Tage voller Diskussionen, Buchvorstellungen, Workshops, aber auch Theater und Poesie in der British Library bei bestem Sommerwetter und ausgelassener Stimmung.

Africa Writes 2018 wurde am Freitagabend mit der leider oder aber erfreulicherweise komplett ausverkauften Aufführung von Yomi Sode’s One Man Show COAT eröffnet. Das Stück spricht Themen wie Immigration, Identität und Entfremdung an, die imaginären Mauern zwischen Menschen, die einander eigentlich am nächsten stehen. „Ich kenne die Namen meiner Großeltern nicht, wie peinlich ist das denn? Aber ich kann jedes einzelne von Kanye’s (West, Anm. d. Red.) Alben aufzählen“, heißt es im Stück.

Tagsüber bot sich im Rahmen von intimeren Workshops, Präsentationen und Networking Events die Möglichkeit zum Austausch und Kontakteknüpfen. Expertinnen aus dem Bildungssektor stellten Möglichkeiten und Initiativen vor, um afrikanische Literatur in das recht unflexible Curriculum an britischen Schulen und Universitäten zu integrieren. Im Publikum saßen zahlreiche Lehrkräfte, mit Anregungen, Fragen und Ideen. Bei „Meet the Publishers“ bekamen werdende Autor*innen praktische Insider-Tips von Verleger*innen auf dem Weg zur Veröffentlichung. Dzekashu MacViban, Gründer des Bakwa Magazins für Literatur- und Kulturkritik, das sich mittlerweile mit dem Podcast Bakwa Cast und und dem Verlag Bakwa Books zu einem kamerunischen Medienkonglomerat entwickelt hat, erteilte dem Publikum mit „Cameroonian Literature 101“ eine grundlegende Lektion in Sachen Literatur aus Kamerun, basierend auf der Social Media Kampange „100 Days of Cameroonian Literature“ . Ziki Nelson stellte das Kugali Magazin  vor, einen Raum für schwarze Comicheld*innen und afrikanische Zeichner*innen – digital und in der Printausgabe des Magazins.

Im Auditorium des Knowledge Centres stellten Autor*innen ihre mit Spannung erwarteten jüngst erschienenen Bücher vor. Die ghanaische Autorin Ayesha Harruna Attah hatte ihren historischen Roman The Hundred Wells of Salaga im Gepäck, in dem sie das Augenmerk auf die Komplizenschaft von Afrikaner*innen im Sklavenhandel sowie auf Geschichten von Frauen legt, die in offizieller Geschichtsschreibung so oft vernachlässigt werden. Die vielfach ausgezeichnete Autorin Leila Aboulela, die aus Khartoum stammt und in Aberdeen lebt präsentierte mit Elswewhere, Home einen Kurzgeschichtenband, in dem vor allem Migrationserfahrungen thematisiert werden. Der nigerianische Journalist Chiké Frankie Edozien stellte seine Memoiren The Lives of Great Men vor. Er erzählt aus seinem und den Leben anderer gleichgeschlechtlich liebender Afrikaner*innen, die ihm auf dem Kontinent und in der Diaspora begegnet sind. Lang erwartet und bereits vor Veröffentlichung in aller Munde, durfte auch Freshwater von Akwaeke Emezi bei Africa Writes nicht fehlen. Freshwater wird als fiktionalisierte Autobiografie vermarktet, doch die Autorin sagt: „Es ist autobiografisch und nicht Fiktion.“ Emezi taucht tief in Igbo-Mythologie und –Spiritualität ein um ihr Innenleben zu beschreiben. Irenosen Okojie – ihres Zeichens selbst Autorin ungewöhnlicher Geschichten (Speak Gogantular, Butterfly Fish) – die Emezi interviewte, konnte sich vor Begeisterung über die Unkonventionalität und bahnbrechende Erzählweise Emezis kaum auf dem Stuhl halten. Im Anschluss füllte sich das Foyer, mit einer Schlange Wartender, um ihr frisch an einem der Buchstände erworbenes Exemplar von der Autorin signieren zu lassen.

Überhaupt wurden in diesem Jahr Women of Colour gefeiert. Im Rahmen des Panels „Loving Womxn: Deliberate and Afraid of Nothing” stellten vier Panelistinnen Erfahrungen, Schreiben und Aktivismus von queeren, Schwarzen Frauen in den Mittelpunkt. Unter anderem stellte Verlegerin und Akademikerin Bibi Bakare-Yusuf die Neuerscheinung She Called me Woman vor, die LBTIQ-Frauen in Nigeria zu Wort kommen lässt. Auch bei der offiziellen Party am Samstagabend „The Year of the Womxn“ stand das Zelebrieren von Weiblichkeit ganz oben auf der Agenda und es wurde nach einer Rede von keiner Geringeren als Bernardine Evaristo und Spoken Word Performances des ausschließlich weiblichen Octavia Poetry Kollektivs ausgelassen zu elektronischen und Afro-Sounds zweier DJanes getanzt. Die beiden jungen simbabwischen Autorinnen Novuyo Rosa Tshuma and Panashe Chigumadzi sprachen über das Neu-Schreiben simbabwischer Geschichte. Chigumadzis Essay These Bones Will Rise Again verbindet Reportage, Memoire und kritische Analyse eines Coups, der keiner war, eines Simbabwe nach Mugabe. Tshumas Roman House of Stone erzählt mit viel Sarkasmus und Humor wie aus Rhodesien Simbabwe wurde. Beide untersuchen die Verflechtungen von Geschichte und Zukunft sowie die Gegenwart der Verganenheit im Hier und Jetzt.

Auch die Finalist*innen des diesjährigen Caine Prize for African Writing gaben sich auf dem Podium die Ehre. Nonyelum Ekwempu, Olufunke Ogundimu und Wole Talabi aus Nigeria, Stacy Hardy aus Südafrika und Makena Onjerika aus Kenia sprachen über den Preis, die Enstehung ihrer Wettbewerbsgeschichten und ihr Schreiben an sich. Die vier Konkurrent*innen verstanden sich blendend und schienen einander nicht als solche wahrzunehmen. Am Sonntagabend wurde dann die Gewinnerin bekannt gegeben: Onjerikas Kurzgeschichte Fanta Blackcurrent. Sie erzählt vom harten Überlebenskampf eines Staßenmädchens in Nairobi. Die Autorin beschloss kurzerhand die Hälfte des Preisgeldes für die Rehabilitation von Straßenkindern in Nairobi zu spenden.

Da das Gespräch mit Poetin Warsan Shire krankkeitsbedingt verschoben werden musste, endete Africa Writes 2018 mit dem Panel „African Books to Inspire“. Die geballte Frauenpower auf dem Podium: Akwaeke Emezi, Ayesha Harruna Attah, Novuyo Rosa Tshuma and Panashe Chigumadzi, die mit dem Publikum teilten, welche Bücher sie beeindruckt, geprägt und über Jahre begleitet haben. Was gibt es schöneres, als wenn Menschen, die Bücher lieben diese miteinander teilen? Das Resultat ist in jedem Falle ein schlagartig in die Höhe geschossener Stapel an zu lesenden Büchern.

Die Autorin  empfiehlt übrigens: The Hundred Wells of Salaga von Ayesha Harruna Attah

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