Bei Africa Writes 2018 stellte Ayesha Harruna Attah in einem gleichermaßen unterhaltsamen und informativen Gespräch mit Marcelle Mateki Akita von AfriKult ihren jüngst erschienenen dritten Roman The Hundred Wells of Salaga (Cassava Pepublic Press, Mai 2018) vor – eine Geschichte über Historie, Skaverei, Macht, Begierde, Liebe, Geschlechterrollen und Schuld.

Die Autorin wuchs in Accra auf, studierte am Mount Holyoke College, einer Kunsthochschule für Frauen in Massachusetts  sowie an der Columbia und New York University. Heute lebt sie in Dakar. Attahs Debütroman Harmattan Rain (Per Ankh Publishers, 2008) war 2010 für den Commonwealth Writers Prize nominiert und erzählt generationsübergreifend die Geschichte dreier Frauen  und ihrer Familiengeheimnisse vor dem Hintergrund dreier Staatsstreiche in der Geschichte Ghanas kurz vor der Unabhängigkeit bis heute. Saturday’s Shadows (World Editions, 2015) befasst sich mit den fließenden Grenzen zwischen gesundem Menschenverstand und Wahnsinn im Angesicht der Unbeständigkeit Westafrikas in den 1990er Jahren. Attahs zweiter Roman stand 2013 auf der Shortlist des Kwani? Manuscript Project.

Mit The Hundred Wells of Salaga taucht die Autorin nun noch weiter in die Geschichte Ghanas ein. Wir befinden uns am Ende des 19. Jahrhunderts. Briten, Franzosen und Deutsche liefern sich einen mitunter gewaltvollen Wettstreit um Afrika. Die mächtigen Asante, die lange die Region dominierten, haben herbe Niederlagen gegen die Europäer einstecken müssen, während andere Herrscher Verträge mit den europäischen Mächten schließen, um eigene Machtinteressen zu stärken. Die Unstimmigkeiten über die Thronfolge in Salaga, einer Stadt, deren ökonomische und politische Macht auf dem Sklavenhandel basiert, führen zum Krieg. Obwohl der Sklavenhandel in weiten Teilen Westafrikas bereits verboten ist, werden Menschen ge- und verkauft. Dörfer werden von bewaffneten Reitern angezündet, ihre Bewohner*innen in Ketten gelegt und verschleppt.

Abwechselnd wird die Geschichte aus den Perspektiven der beiden Protagonistinnen des Romans erzählt: der unkonventionellen jungen Wurche, die sich weniger für  Heirat und Haushalt interessiert als für Handfeuerwaffen und die politischen Entwicklungen in der Region; mehr als ihrem patriarchalen Vater lieb ist.

„The old Ladies of Kpembe said that Wurche should have been born a boy, that all she lacked was a lump dangling between her legs. […] If Dramani of all people had gone to Kete-Krachi, she should, too. Anything her brother did, Wurche felt she should be given the chance to try. Mma once told her that Wurche’s body was filled with a man’s spirit and Dramani’s, a woman’s spirit. Mma said it had to be Wurche’s mother’s parting gift to Etuto, since she had died giving birth to his child, and hadn’t always been treated well.”

Aminah hingegen kommt aus bescheidenen Verhältnissen. Als sie von bewaffneten Reitern gekidnappt wird, endet ihr Leben in der egalitären Gesellschaft Botus und sie fristet ihr Dasein entrechtet als Besitz anderer.

Die Autorin habe Wurche an historische Herrscherinnen wie Yaa Asantewa oder Rainha Nzinga  angelehnt. Aminah hingegen sei eher ihrer Vorstellungskraft entsprungen, inspiriert durch die Ur-Ur-Großmutter Attahs, die tatsächlich in Salaga als Sklavin verkauft und deren Geschichte in der Familie überliefert wurde. „Ich bin besessen von meiner Familiengeschichte“, sagt die Autorin und lacht.

Das Wechseln zwischen den zwei Handlungssträngen und Perspektiven erzeugt ein äußerst spannendes Leseerlebnis. Schließlich gehen die beiden Handlungen ineinander über und die Lesenden sehen die jungen Frauen jeweils mit den Augen der anderen – eine kraftvolle Darstellung der Subjektivität und Fehlbarkeit menschlicher Wahrnehmung.

Attah lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Komplizenschaft von Afrikaner*innen im Sklavenhandel. „Wir setzen uns nicht mit unserer eigenen Mittäterschaft auseinander“, so Attah. Dabei geht es keineswegs um Schuldzuweisungen und die Verteuflung einzelner Charaktere. Niemand in The Hundred Wells of Salaga ist abgrundtief böse, aber auch niemand ohne Fehler. Die Autorin erschafft so komplexe Figuren. In Bezug auf ihre früheren Werke sei ihr vorgeworfen worden, ihre männlichen Charaktere wirken flach – in Anbetracht der unzähligen eindimensionalen Frauenfiguren in der Geschichte der Weltliteratur eine Kritik, die beinahe lächerlich ist.

Die Autorin erzählt in ihrem historischen Roman aber auch von weiblicher Sexualität und ihrer potentiellen Fluidität – vor Beginn des Kolonialismus. „Oft wird behauptet, Queerness sei ein Import aus dem Westen. Aber das ist nicht wahr. Die Fante zum Beispiel hatten Königinnen, die sie Könige nannten und den Glauben, dass Menschen einen leichten oder einen schweren Geist haben, der bestimmt, von welchem Geschlecht sie sich angezogen fühlen.“ Einfühlsam und voll subtiler und doch kraftvoller Bildsprache erzählt Attah in The Hundred Wells of Salaga von weiblicher Begierde und Sinnlichkeit aber auch von sexueller Gewalt.

„His words pleased her. A pit formed in her stomach. The world between her legs lit up, so when he reached forward and touched her cheek gently, she pressed his hand against it. This was everything. She’d waited so long for this. […] She knelt before him, and he seemed to hesitate, but said nothing as she took off her smock, then his. He never broke his gaze, even as she quietly, frantically, sat astride him, cupping his flesh into hers.”

 

Attah zeichnet ein nuanciertes Bild der sprachlichen, kulturellen und strukturellen Diversität westafrikanischer Gesellschaften im Umbruch Ende des 19. Jahrhunderts und setzt Kolonialnarrativen aus der Feder männlicher, weißer Autoren eine Erzählung aus den Perspektiven zweier beeindruckender Frauen im Spannungsfeld von Unfreiheit und selbstbestimmtem Handeln entgegen. Eine lohnenswerte Lektüre in vielerlei Hinsicht.

Wer lieber auf Deutsch als auf Englisch liest, kann sich auf die im Frühjahr 2019 im Diana Verlag erscheinende Übersetzung unter dem Arbeitstitel „Die Frauen von Salaga“ freuen.

 

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THE HUNDRED WELLS OF SALAGA
Ayesha Harruna Attah
Roman
English

Cassava Republic Press
234 pages, flapped paperback
Release date: 8th May 2018
ISBN 978-1-91-111551-9

 

 

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